Rund um das geplante Rechenzentrum im Katzenfeld gibt es viele Fragen: zum Strom- und Wasserverbrauch, zur Abwärmenutzung, zu Notstromaggregaten, Verkehr, Starkregen, Landschaftsbild und zur grundsätzlichen Rolle digitaler Infrastruktur. Dieses FAQ soll die wichtigsten Punkte verständlich einordnen, Kritik ernst nehmen und erklären, warum wir dem Projekt unter den erreichten Bedingungen zugestimmt haben.
Die vollständigen Unterlagen des seit zwei Jahren laufenden und jetzt beschlossenen Bebauungsplanverfahren finden sich hier: Bebauungsplanunterlagen
Warum brauchen wir als Gesellschaft Rechenzentren?
Wir alle nutzen täglich digitale Dienstleistungen: KI, Onlinebanking, Cloud-Anwendungen und Videokonferenzen. Sie ermöglichen es, aus Gießen für Unternehmen in ganz Deutschland zu arbeiten, Verwaltungsprozesse zu digitalisieren und neue Anwendungen schneller verfügbar zu machen. Digitalisierung macht unser Leben nicht nur bequemer; sie ist auch eine der großen Chancen, Wohlstand trotz des demografischen Wandels zu erhalten. Rechenzentren verarbeiten und speichern die dafür erforderlichen Daten. Sie sind damit eine zentrale Infrastruktur der digitalen Gesellschaft. Eigene Rechenkapazitäten in Europa und Deutschland sind zudem eine Voraussetzung dafür, unabhängiger von Kapazitäten in Übersee zu werden.
Welche Kritik gibt es am Bau von Rechenzentren?
Rechenzentren haben einen sehr hohen Strombedarf. Das stellt zusätzliche Anforderungen an den Ausbau erneuerbarer Energien und an die Stromnetze. Wenn diese Investitionen nicht Schritt halten, kann der wachsende Strombedarf die Energiewende zusätzlich belasten. Hinzu kommt: Einige etablierte Kühlverfahren benötigen erhebliche Mengen Wasser, etwa durch Verdampfung. Anwohner:innen befürchten außerdem Belastungen durch Lärm, Abwärme, Baustellenverkehr, Notstromaggregate sowie Veränderungen des Landschaftsbildes.
Wie stehen wir im Allgemeinen zu Rechenzentren?
Unser Wohlstand beruht auf einem erheblichen Ressourcenbedarf. Diesen Bedarf einfach in Nachbarkommunen oder ins Ausland zu verlagern, löst die damit verbundenen Probleme nicht. Unser Anspruch ist, Wertschöpfung möglichst unter guten ökologischen und sozialen Rahmenbedingungen vor Ort zu ermöglichen und dafür hohe Standards durchzusetzen. Diese Haltung gilt für alle wirtschaftlichen Branchen gleichermaßen, unabhängig davon, ob es um ein Rechenzentrum, einen Industriebetrieb oder andere Gewerbenutzungen geht.
Warum werden gerade in Hessen besonders viele und große Rechenzentren geplant?
Der größte Internetknoten Europas, der DE-CIX, liegt in Frankfurt. 2024 wurde dort ein neuer Rekord von 18 Terabit pro Sekunde Datendurchsatz erreicht. Für Rechenzentren ist eine schnelle und leistungsfähige Anbindung an solche Dateninfrastruktur ein zentraler Standortfaktor. Deshalb konzentrieren sich viele Projekte entlang großer Datenleitungen im Rhein-Main-Gebiet und in dessen Umfeld.
Welche Standortfaktoren am Katzenfeld sprechen für die Entwicklung eines Rechenzentrums?
Der Standort Katzenfeld liegt in unmittelbarer Nähe eines Telekom-Datenknotens mit guter Anbindung an den Frankfurter Internetknoten. Direkt angrenzend befindet sich außerdem ein Höchstspannungs-Umspannwerk. Hinzu kommt eine leistungsfähige Fernwärmeleitung der Stadtwerke Gießen, die bislang unter anderem durch das dort betriebene Erdgas-Blockheizkraftwerk genutzt wird.
Diese Kombination aus Datenanbindung, Stromanschluss und möglicher Abwärmenutzung macht das Katzenfeld zu einem besonders geeigneten Standort für ein Rechenzentrum in Mittelhessen.
Zum Vergleich: In anderen Kommunen, auch im ländlichen Raum, werden derzeit deutlich größere Rechenzentrumsprojekte diskutiert, die teilweise mit eigenen Gaskraftwerken versorgt werden sollen und nur einen geringen Teil ihrer Abwärme in Wärmenetze einspeisen könnten.
Was waren wichtige Kriterien zur Bewertung der Rechenzentrumsansiedlung?
Für uns standen insbesondere vier Ziele im Mittelpunkt: eine möglichst umfangreiche Nutzung der Abwärme für das Fernwärmenetz, eine möglichst erneuerbare Stromversorgung, ein möglichst geringer Wasserverbrauch sowie eine möglichst gute Einbindung in Stadt- und Landschaftsbild.
Was hat das Stadtparlament beschlossen?
Das Stadtparlament hat den Satzungsbeschluss zum Bebauungsplan für das Katzenfeld gefasst. Bis zur endgültigen Rechtskraft folgen noch die vorgesehenen Verfahrens- und Genehmigungsschritte.
Der Bebauungsplan legt den städtebaulichen Rahmen fest. Er regelt also insbesondere die zulässige Flächennutzung, maximale Gebäudehöhen, Baugrenzen, Zufahrten sowie grundlegende Vorgaben zu Grünflächen und Entwässerung. Die technischen Details werden in nachgelagerten Genehmigungsverfahren geprüft, etwa beim konkreten Lärmschutz der Kühlanlagen, bei Abgasen und Testläufen der Notstromaggregate, bei der sicheren Lagerung von Kraftstoffen sowie beim Brand- und Grundwasserschutz.
Welche Standards und Zusagen konnten erreicht werden?
Geringer Wasserverbrauch: Festgeschrieben wurde eine Kühlung mit geschlossenem Wasserkreislauf. Dadurch kann, anders als bei Kühlverfahren mit Verdampfung, der Wasserverbrauch deutlich reduziert werden.
Umfangreiche Abwärmenutzung: Durch die Kühlung mit geschlossenem Wasserkreislauf kann Abwärme auf einem höheren Temperaturniveau bereitgestellt werden. Das macht ihre Nutzung energieeffizienter und wirtschaftlicher. Die Stadtwerke Gießen haben eine perspektivische Abnahme von 20 MW Abwärme angekündigt. Das entspricht rund 20 Prozent der aktuellen Spitzenleistung im Fernwärmenetz und kann zahlreiche fossile Wärmeerzeuger ersetzen. Aktuell besteht schon ein Anschluss von 8 MW für die Versorgung der Weststadt. In den Übergangsmonaten erzeugen die neuen Flusswärmepumpen an der Lahn klimafreundliche Fernwärme. Im Winter wird bisher die Fernwärme aber vor allem mit fossilem Gas erzeugt. Die Abwärme des Rechenzentrums kann diese Wärmemengen auch in den kalten Monaten klimafreundlich ersetzen. Ein so großer Schritt zur Dekarbonisierung der Fernwärme wäre ohne das Rechenzentrum nicht so früh und nicht so wirtschaftlich erreichbar.
Versorgung mit erneuerbaren Energien:
Einigen konnten wir uns mit dem Investor auf folgende Punkte:
- Errichtung einer PV-Anlage mit 4,6 MW Peakleistung. Sollte diese nicht errichtet werden können, kann diese Vorgabe mit 6,6 Millionen Euro abgelöst werden, sodass die Stadt entsprechende PV-Leistung realisieren kann.
- Einsatz von z.B. altem Speiseöl (HVO100-Brennstoff) als Alternative zu Diesel in der Notstromversorgung.
Bilanziell muss das Rechenzentrum durch die Vorgaben des Energieeffizienzgesetzes zu 100% mit erneuerbarem Strom versorgt werden.
Entwässerung und Regenrückhaltung: Uns war wichtig, dass die zusätzliche Versiegelung nicht einfach zu einer stärkeren Belastung der Kanalisation oder angrenzender Bereiche führt. Das Entwässerungskonzept soll deshalb nach den Anforderungen der zuständigen Wasserbehörden abgesichert werden. Niederschlagswasser wird, soweit wasserwirtschaftlich möglich, vor Ort zurückgehalten, versickert, verdunstet oder gedrosselt abgeleitet werden. Dazu gehören Grünflächen mit Rückhaltefunktion, Rückhalteräume und ein abgestimmtes Entwässerungssystem. So wird das Schwammstadt-Prinzip gestärkt: Regenwasser bleibt möglichst lange im Gebiet, statt bei Starkregen unmittelbar abzufließen.
Landschaftsbild und Begrünung: Ein Rechenzentrum dieser Größe wird das Umfeld sichtbar verändern. Deshalb sind gute Gestaltung, Fassadenbegrünung, Baumpflanzungen und eine wirksame Eingrünung der Randbereiche keine Nebensache, sondern zentral für die städtebauliche Verträglichkeit und wurden verbindlich im Bebauungsplan festgesetzt beziehungsweise vertraglich vereinbart. Begrünte Fassaden und Freiflächen können das Gebäude optisch besser einbinden, Aufheizung reduzieren und zusätzliche Lebensräume für Insekten und Vögel schaffen. Entscheidend ist, dass Fassaden, Randbereiche, Stellplätze und Grünflächen zusammen ein erkennbares Gestaltungskonzept ergeben. Dabei gilt: Begrünung macht die Baumasse nicht unsichtbar, kann sie aber deutlich verträglicher in Stadt- und Landschaftsbild integrieren.
Wie wird mit Starkregen und Entwässerung umgegangen?
Durch die Bebauung entstehen neue versiegelte Flächen. Deshalb reicht es nicht, Regenwasser einfach in die Kanalisation abzuleiten. Vorgesehen sind Rückhalteflächen, gedrosselte Ableitung und Grünflächen mit Rückhaltefunktion. Damit soll Regenwasser im Gebiet zwischengespeichert und kontrolliert abgeführt werden. Das ersetzt nicht die Eingriffe durch Versiegelung, sorgt aber dafür, dass Starkregen und Niederschlagswasser planerisch mitgedacht und nicht einfach auf Kanalisation oder Nachbarschaft verlagert werden.
Warum werden Geländeaufschüttungen notwendig?
Geländeaufschüttungen werden aus zwei Gründen notwendig. Erstens liegt das Katzenfeld heute teilweise so niedrig, dass Gebäude, Straßen und befestigte Flächen nicht überall zuverlässig im freien Gefälle entwässert werden könnten. Deshalb müssen vor allem östliche und nördliche Teilbereiche angehoben werden. Zweitens liegt das Gebiet hinter dem Werner-Gleim-Deich in einem Hochwasserrisikogebiet. Für das Rechenzentrum als kritische Infrastruktur gelten dabei besonders hohe Anforderungen: Sensible Technik und zentrale Betriebsbereiche müssen auch bei sehr seltenen Hochwasserereignissen oder einem theoretischen Deichversagen geschützt sein. Die Begründung nennt deshalb für das Sondergebiet Rechenzentrum ein Niveau von mindestens 161,0 m NHN; in den besonders niedrig liegenden nordöstlichen Teilbereichen kann dies Aufschüttungen von bis zu etwa 3,5 m bedeuten. Für Gewerbegebiet und Haupterschließung werden mindestens 160,0 m NHN genannt. Mit der Oberen Wasserbehörde wurde vorabgestimmt, dass hierfür keine zusätzlichen Retentionsausgleichsmaßnahmen erforderlich sind.
Warum und wie wird die Notstromversorgung des Rechenzentrums sichergestellt?
Notstromversorgung ist bei Rechenzentren erforderlich, weil sie auch bei Netzstörungen unterbrechungsfrei weiterarbeiten müssen. Kurzfristige Unterbrechungen werden zunächst durch Batterien und USV-Systeme überbrückt; für längere Ausfälle stehen Netzersatzaggregate bereit. Diese sind nicht für den Dauerbetrieb vorgesehen, sondern für Notfälle und Tests. Nach der Planbegründung wird mit rund zehn Testläufen pro Jahr gerechnet, jeweils etwa 30 Minuten bis 2 Stunden; tatsächliche Notfalleinsätze liegen vergleichbar bislang nur bei durchschnittlich rund zwei Minuten pro Jahr.
Die Aggregate sollen mit HVO100 statt fossilem Diesel betrieben werden. Das senkt die bilanziellen Treibhausgasemissionen und Partikelemissionen deutlich. Weil die Notstromkapazität 50 MW überschreitet, folgt ein immissionsschutzrechtliches Genehmigungsverfahren mit Öffentlichkeitsbeteiligung; dabei werden auch Lärm, Abgase, Gesamtstaub und NOx geprüft.
Bewertung und Fazit
Wasserverbrauch und Abwärmenutzung: Durch die Kühlung mit geschlossenem Wasserkreislauf wird der Wasserverbrauch deutlich reduziert und zugleich die Abwärmenutzung verbessert. Das ist ein wichtiger Erfolg und eine klare Abgrenzung zu vielen anderen bestehenden oder geplanten Rechenzentren. Die angekündigte Abwärmenutzung von 20 MW ist eine Größenordnung, die nur wenige Standorte vorweisen können. Auf diese Weise wird Energie doppelt genutzt.
Entwässerung und Landschaftsbild: Auch bei Entwässerung und Gestaltung kommt es auf die konkrete Umsetzung an. Positiv ist, dass Regenrückhaltung, Grünflächen und Begrünung im Bebauungsplan nicht nur als Nebensache behandelt werden, sondern elementarer Teil der städtebaulichen Festsetzung und vertraglichen Absicherung sind. Gerade bei einem großvolumigen Gebäude bleibt der Eingriff sichtbar. Umso wichtiger ist, dass Rückhaltung, Fassadenbegrünung, Baumpflanzungen und Randbegrünung verbindlich festgelegt wurden.
Stromverbrauch: Die Vorgabe, das Rechenzentrum bilanziell zu 100 Prozent mit erneuerbarem Strom zu versorgen, kann den Eindruck erzeugen, dass der zusätzliche Strombedarf automatisch durch zusätzliche erneuerbare Erzeugungsanlagen gedeckt wird. Das ist jedoch nicht zwingend der Fall. Deshalb kann nicht ausgeschlossen werden, dass zusätzlicher Stromverbrauch die Dekarbonisierung der Stromversorgung belastet, wenn Ausbau von Erzeugung und Netzen nicht Schritt halten. Dieses Problem lässt sich auf kommunaler Ebene nur begrenzt beeinflussen. Es ist ein standortübergreifendes, bundesweites Thema und taugt deshalb nicht als Argument gegen diesen konkreten Standort. Wir erwarten von der Bundespolitik stärkere Anreize und Vorgaben für regionale erneuerbare Stromerzeugung und Netzausbau. Gleichzeitig treiben wir den Ausbau erneuerbarer Energien vor Ort weiter voran, etwa durch Photovoltaik auf städtischen Gebäuden und durch die Unterstützung des Windenergieprojekts im Fernewald.
Standortwahl: Viele derzeit geplante Rechenzentrumsprojekte verfügen nicht über einen so leistungsfähigen Stromanschluss wie das Projekt im Katzenfeld. Teilweise werden deshalb ergänzend große Erdgas-Kraftwerke diskutiert. Aus energetischer Sicht und mit Blick auf den Klimaschutz wäre das deutlich problematischer.
Artikel Handelsblatt: https://www.handelsblatt.com/technik/it-internet/ki-in-hessen-stirbt-der-traum-von-gruenen-rechenzentren/100206897.html
Es zeigt sich, dass das Energieeffizienzgesetz leider keine Garantie für sinnvolle energetische Gesamtkonzepte schafft. Das ruft uns zur Verantwortung, die Schaffung von Kapazitäten unter geeigneteren Umständen (wie am Katzenfeld) zu ermöglichen.
Zwar enthält der Strommix im Netz auch heute noch fossile Anteile. Ein leistungsfähiger Netzanschluss bietet aber bessere Voraussetzungen, künftig steigende Anteile erneuerbarer Energien zu nutzen. Gleichzeitig kann die Abwärme in Gießen als urbanem Oberzentrum besonders sinnvoll in das Fernwärmesystem integriert werden.
Stadtentwicklung und Gewerbeansiedlung: Der Bebauungsplan ermöglicht neben dem Rechenzentrum weitere IT-affine Gewerbeansiedlungen, neue Arbeitsplätze und zusätzliche Gewerbesteuereinnahmen. Neben Erschließung und ökologischen Ausgleichsmaßnahmen entsteht außerdem ein Grünareal mit Sportbereich direkt neben Kita und Grundschule, das zugleich der Regenrückhaltung dient. Die Entwicklungskosten trägt der Investor. Für die Stadt entsteht dadurch kein finanzielles Entwicklungsrisiko.
Diese stadtentwicklungspolitischen Zugewinne standen in der öffentlichen Diskussion weniger im Vordergrund als die ökologischen Grundsatzfragen. Unser FAQ konzentriert sich deshalb bewusst auf diese Fragen, ohne die weiteren Vorteile für die Stadt auszublenden.
Wir behaupten nicht, dass ein Rechenzentrum dieser Größenordnung ohne Eingriffe auskommt. Entscheidend ist aber, ob diese Eingriffe minimiert, ausgeglichen und durch verbindliche Vorgaben ökologisch und städtebaulich abgefedert werden.
Fazit: Rechenzentren sind ressourcenintensiv und müssen kritisch bewertet werden. Zugleich wächst der Bedarf an digitaler Infrastruktur rasant. Im Vergleich zu vielen anderen Standorten bietet das Katzenfeld besonders gute Voraussetzungen: leistungsfähige Daten- und Strominfrastruktur, die Möglichkeit einer umfangreichen Abwärmenutzung, Vorgaben zum Wasserverbrauch sowie verbindliche Regelungen zu Entwässerung, Begrünung und Ausgleich. Unter diesen Bedingungen halten wir es für richtig, das Rechenzentrum am Katzenfeld zu unterstützen.
Dieses FAQ wurde von Fabian Mirold-Stroh und Michel Zörb erstellt. Fabian Mirold-Stroh ist Ingenieur für Energietechnik und der energiepolitische Experte der Stadtfraktion. Michel Zörb ist einer der Fraktionsvorsitzenden und arbeitet als Projektleiter für Erneuerbare Energien.