Nach rund 20 Jahren endet die hauptamtliche Tätigkeit von Gerda Weigel-Greilich für die Universitätsstadt Gießen. Das Verfahren zu ihrer Abwahl ist allein den veränderten politischen Mehrheitsverhältnissen und der Bildung der neuen Koalition geschuldet. Für uns Grüne ist deshalb klar: Dieser Moment ist vor allem ein Anlass, Danke zu sagen und auf das zurückzublicken, was Gerda in zwei Jahrzehnten für unsere Stadt erreicht hat.
Fast 20 Jahre hauptamtliche Verantwortung für eine Stadt zu tragen, ist außergewöhnlich. Gerda hat Gießen in dieser Zeit insbesondere in der Jugend- und Sozialpolitik, der Stadtentwicklung sowie im Umwelt- und Naturschutz entscheidend mitgeprägt.
Dabei waren die Aufgaben selten einfach. Hohe Erwartungen trafen auf begrenzte finanzielle und personelle Möglichkeiten, rechtliche Vorgaben und gesellschaftliche Entwicklungen, die kommunal häufig kaum beeinflusst werden können. Gerda hat sich diesen Herausforderungen gestellt und zahlreiche Projekte angestoßen und umgesetzt, die Gießen bis heute prägen.
Soziale Politik, die Familien erreicht
Ein Beispiel dafür ist die Weiterentwicklung der Gießener Kindertagesstätten zu Familienzentren. Dahinter steht die Überzeugung, dass frühkindliche Bildung weit mehr ist als Betreuung. Familienzentren nehmen nicht nur die Kinder, sondern auch Eltern und ihr soziales Umfeld in den Blick und schaffen niedrigschwellige Angebote dort, wo Unterstützung gebraucht wird.
Auch das Präventionsprojekt „Hallo Welt“ steht für diesen Ansatz. Junge Familien erhalten nach der Geburt eines Kindes Unterstützung, Beratung und Begleitung. Es ist vorsorgende Sozialpolitik, die dort ansetzt, wo sie besonders viel bewirken kann.
Von der Landesgartenschau zur Stadtentwicklung
Besonders prägend für Gerdas Amtszeit war die Landesgartenschau 2014. Sie war weit mehr als ein Gartenfest für einen Sommer. Ihre Vorbereitung wurde zum Ausgangspunkt für eine langfristige Entwicklung unserer Stadt und gab zahlreichen Projekten den planerischen, politischen und finanziellen Impuls.
Die Früchte dieser Arbeit sehen wir heute überall in Gießen. Die Parkanlagen entlang von Lahn und Wieseck sind Orte der Erholung, des Sports und der Begegnung. Zugleich bieten sie Raum für Veranstaltungen, Konzerte und Festivals und sind aus dem kulturellen Leben unserer Stadt nicht mehr wegzudenken.
Auch zahlreiche Infrastrukturprojekte sind eng mit dieser Entwicklung verbunden. Der Christoph-Rübsamen-Steg verbindet Nordstadt und Weststadt miteinander und schafft zugleich eine Verbindung ins westliche Umland. Der Durchstich des Bahndamms in der Bootshausstraße öffnete die Lahn stärker zur Innenstadt. Rund um die Sachsenhäuser Brücke und entlang der Lahnstraße entstanden aus städtebaulichen Brachen neue Grün- und Aufenthaltsräume. Auch zuvor privat genutzte Bereiche entlang der Lahn wurden geöffnet und der Fluss dadurch für die Menschen besser erlebbar.
Früher wurde in Gießen augenzwinkernd gesagt, eigentlich müsste unsere Stadt „Gießen an der Bahn“ statt „Gießen an der Lahn“ heißen. Gerda hat entscheidend dazu beigetragen, die Lahn wieder stärker in das Bewusstsein und das Leben unserer Stadt zu rücken.
Auch andernorts hat sie wichtige Veränderungen begleitet: Mit der neuen Querung der Ostanlage wurde eine dunkle Unterführung durch eine barrierefreie Straßenquerung ersetzt. Hinzu kamen die Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes und zahlreiche kleinere Projekte.
Politik braucht manchmal einen langen Atem
Nicht jede dieser Veränderungen war von Beginn an unumstritten. Gerda bekam in diesen Jahren Spitznamen wie „Lady Laga“ oder auch „Kettensägen-Gerda“.
Heute sind viele der damals kontrovers diskutierten Projekte selbstverständliche und geschätzte Bestandteile unserer Stadt. Genau darin zeigt sich politische Weitsicht: Veränderungen anzustoßen, deren Wert sich manchmal erst Jahre später vollständig erschließt.
In fast 20 Jahren hat Gerda in ganz unterschiedlichen politischen Bündnissen Verantwortung übernommen, von Jamaika über Rot-Grün, Kenia und Grün-Rot-Rot bis hin zu den heutigen neuen Mehrheitsverhältnissen. Dabei hat sie gezeigt, dass klare politische Grundüberzeugungen und die Bereitschaft zum Kompromiss keine Gegensätze sind.
Gerda hat Politik für die ganze Stadt gemacht: mit klarer Haltung, aber pragmatisch und unaufgeregt. Gerade in Zeiten zunehmender politischer Polarisierung sind das Eigenschaften, die wichtiger denn je sind.
Danke für euren Einsatz im Magistrat
Mit den Veränderungen im Magistrat endet auch die ehrenamtliche Tätigkeit von Kerstin Gromes und Markus Labasch. Ihnen danken wir herzlich für ihre Arbeit, ihre Zeit und ihren Einsatz für unsere Stadt.
Gleichzeitig freuen wir uns, dass Gerdas Engagement für Gießen keineswegs endet: Gerda Weigel-Greilich und Klaus-Dieter Grothe werden ihre Arbeit künftig im ehrenamtlichen Magistrat fortsetzen. Damit bleiben ihre Erfahrung und ihr Engagement der Stadtpolitik erhalten.
Liebe Gerda, du hast dich in fast 20 Jahren hauptamtlicher Verantwortung enorm um unsere Stadt verdient gemacht. Für deine Beharrlichkeit, deine Weitsicht, deine klare Haltung und deinen unermüdlichen Einsatz für die Gießenerinnen und Gießener sagen wir von Herzen: Danke!
Und wir freuen uns, dass dieses Dankeschön kein Abschied von der Gießener Kommunalpolitik ist.
Jana Widdig & Michel Zörb
Fraktionsvorsitzende